Warum den Zweiten Weltkrieg reenacten?

Moderator: Bill Medland

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Erich Johann

Warum den Zweiten Weltkrieg reenacten?

Post by Erich Johann »

Hallo!

Es würde mich interessieren, warum Deutsche den Zweiten Weltkrieg, und hier spezifisch die deutsche Seite, reenacten. Was spricht dafür?

Danke für eure Antworten.

Pummelchen
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Joined: Fri Sep 18, 2009 1:49 pm

Re: Warum den Zweiten Weltkrieg reenacten?

Post by Pummelchen »

Mein Interesse an Geschichte hat schon sehr früh begonnen. Mit zehn Jahren habe ich über die Faszination für griechische Sagen
zur römisch/griechischen Geschichte gefunden. Während meine Freundinnen sich über „Hanni und Nanni“ Bücher austauschten,
verschlang ich alles Lesbare über die Welt der Antike. Mit Heranwachsen kam auch das Interesse für Geschichte anderer Epochen.
Die Wiege meines Interesses am Zweiten Weltkrieg jedoch, steht in meinem Elternhaus. Das sonntägliche Frühstück war stets die
Zeit Familiäres und Alltägliches zu besprechen, aber auch immer eine gern genutzte Stunde des Zusammenseins, um den Kindern
aus der eigenen Kindheit und Jugend und den Erfahrungen zu erzählen.

Mein Vater kam aus einer Beamtenfamilie aus dem Ruhrgebiet, die schon sehr früh zum Nationalsozialismus gefunden hatte.
Das Elternhaus meiner Mutter war kleinbürgerlich und nichtpolitisch am Niederrhein angesiedelt. Während mein Vater unter
der These „Religion ist Opium für das Volk“ erzogen wurde, der Hitlerjugend beigetreten und seinen Dienst
im „letzten Aufgebot“ als 17 jähriger in der Ardennenschlacht versah, lebte meine Mutter in einem streng katholischen
Haushalt, der ihr moralischen Halt im Glauben gab. Da saßen nun zwei Menschen an einem Tisch, erzählten mir ihre
Geschichten aus der Zeit des Krieges wie sie unterschiedlicher nicht hätten sein können. Der Vater, unter der Knute
des eigenen Vaters zu Gehorsam gegenüber dem Führer verpflichtet; die Mutter, dessen Vater weil er unpolitisch war,
durch den eigenen Bruder standrechtlich erschossen werden sollte, da er sich weigerte eine SA Uniform zu tragen.
Beide jedoch brachten ihre Geschichten immer wieder auf einen Konsenz: „Bleibt ehrlich Kinder, bleibt euch selber treu,
haltet die Augen auf und macht als Nachfolgegeneration nicht die Fehler, die eure Eltern einst machten!"
Aus diesen unterschiedlichsten Lebenswegen ist mein geschichtliches Interesse an diese Zeit geboren.

1985 habe ich zum ersten Mal die „Bekanntschaft“ mit dem Hobby des WK2 Reenactment gemacht. Ich bin durch Heirat
nach England gezogen und mein Mann betrieb dort schon mehrere Jahre dieses Hobby. In der BRA,
der Battle Reenactment Association, lag das Hauptaugenmerk auf die historische Nachstellung des Soldaten des Zweiten Weltkrieges
und somit auch, wie der Name schon sagt ( battle=Gefecht), auf Gefechtsdarstellungen. Für eine Frau sah ich somit keine Perspektive
in diesem Hobby, es sei denn sie trägt Uniform. Das Tragen einer Uniform entspricht jedoch nicht meinem Naturell, somit sah ich
zu diesem Zeitpunkt auch keinen Platz für mich, nicht die Möglichkeit mich diesem Hobby anzuschließen.

Dem Studium der Zeit selber blieb ich jedoch in all den Jahren verschrieben. Durch das Medium Internet sah ich in den letzten Jahren
immer deutlicher gegeben, daß zumindest im Ausland die Nische für Zivilisten größer wurde und auch von den „Etablierten“ akzeptiert wurde.
Somit kam ich zu dem Entschluß, daß was ich an Augenzeugenberichten gesammelt, durch zeitgeschichtliche Bücher und Filme vermittelt bekommen habe,
selber im Reenactment umzusetzen.

Mein Anliegen ist es in erster Linie das Erzählte, Gelesene, Gesehene für mich persönlich umzusetzen. Ich bin mir bewußt,
daß ich das im Heute nicht vollständig Leben kann, da seelische Nöte und Ängste einer Frau aus den Kriegsjahren nicht nachgelebt werden können.
Ich kann jedoch nachleben wie sie sich kleiden konnte,was sie aus Wenigem der Familie auf den Tisch bringen konnte,
allgemein -was für ihren täglichen Bedarf von Wichtigkeit war.


LEBEN-VERMITTELN-GEDENKEN

Das sind die Grundpfeiler auf die ich meine Darstellung basieren möchte.

- Leben, damit ich persönlich umsetze und somit erfahre.

- Vermitteln, damit der interessierte Besucher auf öffentlichen Veranstaltungen einen anderen Aspekt
der geschichtlichen Aufarbeitung erfährt.

- Gedenken, aller Menschen, die in diesem Zweiten Weltkrieg Leid und Grausamkeit erfahren haben.

LG
Beate

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Steffen
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Re: Warum den Zweiten Weltkrieg reenacten?

Post by Steffen »

Nun möchte auch ich einmal erklären, weshalb ich mich für die Darstellung eines Wehrmachtssoldaten entschieden habe, bzw. eine Darstellung, welche die Zeit des zweiten Weltkriegs umfasst, betreibe.

Mein Interesse an der ganzen Thematik begann im Alter von sechs oder sieben Jahren- jedenfalls war ich noch sehr sehr jung. Damals konnte ich noch sehr viel Zeit mit meinen Großeltern verbringen, da wir im gleichen Ort wohnten, sodass ich mich oft bei ihnen aufhielt. Mein Großvater erzählte mir so oft ich es wissen wollte vom Krieg und seiner Dienstzeit beim Militär (42-44, Krim, Sewastopol, Kuban...)- auch wenn sich manche Geschichten mit der Zeit natürlich wiederholten, waren sie jedoch immer wieder aufs neue unheimlich interessant, zumal sie aus dem Munde eines Menschen kamen, der damals einiges mitmachen musste. Auch wenn mein Interesse ab diesem Punkt schon geweckt war, begann ich mich erst ein paar Jahre später weitgehend mit der Materie zu befassen, generell nahm mein Interesse an Geschichte an sich unheimlich zu. Ich begann mich mit Rittern, Römern und anderen Dingen, die kleine Kinder einfach unheimlich spannend finden, zu befassen- später weitete es sich dann natürlich auf komlexere Themen wie diverse Zeitepochen, Kriege und politische Ereignisse aus.

Richtig ein in die Materie des zweiten Weltkriegs stieg ich dann erst vor fünf, sechs Jahren wieder, da ich einige militärhistorische Foren entdeckt hatte, in denen ich mein Wissen um einiges erweitern konnte. So kam mir auch in den Sinn, bei der WAST einmal die Daten meines Großvaters anzufordern- und siehe da, wider Erwarten konnte man mir jede Menge Informationen über seinen militärischen Werdegang mitteilen. Da ich nun meine groben Vorkenntnisse um einiges erweitern konnte, begann ich mich immer mehr dafür zu interessieren.

Ein paar Jahre zuvor hatte ich schon einmal etwas von einem Hobby namens "Reenactment" gehört, bzw. im Fernsehen gesehen oder gelesen, sodass ich mich genauer damit befasste (Ich kann mich noch gut erinnern, dass ich als zwölfjähriger vor dem Fernseher saß und einen kurzen Bericht über Beltring sah- ich war total baff, als neben dem Kamerateam plötzlich ein deutsches Krad mit Fliegersichttuch vorbeifuhr ;) ). Von vornherein schwebten mir drei mögliche Darstellungen vor- WK2, Amerikanischer Bürgerkrieg oder Napoleonik. Ich meldete mich also in einem Reenactorforum an und wurde auch gleich herzlichst von einigen Mitgliedern einer Unionseinheit begrüßt, welche mir auf Anhieb sehr sympathisch waren. Nunja, der Entschluss war gefallen- ich entscheide mich für eine Bürgerkriegsdarstellung. ;)

Dabei habe ich großes Glück, dass ich in eine Truppe aufgenommen wurde, in welcher die Chemie zwischen sämtlichen Mitgliedern stimmt und die sich zum dauerhaften Ziel gesetzt hat, eine progressive Darstellung zu betreiben, bzw. sich auf einer Veranstaltung so authentisch wie möglich zu kleiden (dabei wird teilw. auf die kleinste Naht geachtet), nach dem damaligen Reglement zu drillen, "Soldiers life" zu führen- kurzum sich ein Zeitfenster zu öffnen und den Sprung in vergangene Tage zu schaffen.

Manch ein Reenactor kennt nun aber vielleicht auch die heimliche Sehnsucht nach einer Zweitdarstellung... ;)
(Am liebsten würde man ja gleich einen Einblick in sämtliche Epochen gewinnen und sich dort hineinversetzen, aber das liebe Geld und die Zeit... man kennt es ja.)
So entschied ich mich im Sommer vergangenen Jahres, mir eine Darstellung den zweiten Weltkrieg betreffend aufzubauen. Nachdem ich nun einige Monate nach geeigneten, authentischen Ausrüstungsgegenständen recherchierte, herumnähte, mit Experten fachsimpelte (ich denke da an ein zweistündiges Telefonat zwecks amtlich vorgeschriebener und feldmäßiger Adlervernähung zurück) und kurzum mein Konto ordentlich schröpfte, konnte ich nun endlich vergangene Woche meine Ausrüstung komplettieren.

Die persönlichen Ziele und Beweggründe welche ich mir für die Darstellungsweise vorgenommen habe sind recht einfache; ich möchte mir anstatt dem Veranstalten sogenannter "Battles" vor Publikum oder Wochenenden voller Böllerei das Nacherleben der damaligen Zeit zum Ziel setzen; ich möchte zum Beispiel erleben, was für eine visuelle Perspektive mein Großvater damals hatte, wenn er auf dem Boden saß und aus dem dampfenden Essgeschirr seinen Eintopf mit dem Göffel aß, ich möchte wissen wie es ist, in voller WH- Montur gedrillt zu werden, wie es ist den Regen auf den Stahlhelm prasseln zu hören oder die Füße nach einem langen Marsch in genagelten Stiefeln kaum mehr spüren zu können.

Dies sind zwar größtenteils Erfahrungen, welche ich auch auf meine Darstellung im amerikanischen Bürgerkrieg zurückführen kann, jedoch ist es von Epoche zu Epoche natürlich immer noch etwas anderes- man kann ein Gumblanket eben nicht mit einer Splitterzeltbahn vergleichen. ;)

Beste Grüße,
Steffen
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Kradschuetze
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Re: Warum den Zweiten Weltkrieg reenacten?

Post by Kradschuetze »

Hallo,

Mal schnell meinen Senf dazu geb.... :D

Erstmal ist es ja auch unsere Geschichte.
Dann kann man durchaus aufklärend wirken...ich denke da nur an den Spruch ...es waren alle Verbrecher....
Ich finde es sollten sich viel mehr Deutsche mit ihrer eigenen Geschichte beschäftigen, ob aktiv oder passiv, das ist egal, und somit auch mal die andere Seite zu sehen...nicht nur die Mediale.

Und es macht ja auch Spass, zumindest mir.

Angefangen zu beschäftigen hab ich mich schon im Kindesalter...Gespräche mit meinem Opa, er war bei der Alten 6. Armee...
Über sein Schicksal, wo ich hier jetzt nicht näher drauf eingehen will...
Dann habe ich zu DDR Zeiten alles mit genommen was ich fand und nach der Wende und seid dem ich das Motorrad habe fahre ich deutsch...wenn auch meist alleine, und mit bösen Blicken...

Grüsse Ingo

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gebirgsjäger
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Re: Warum den Zweiten Weltkrieg reenacten?

Post by gebirgsjäger »

Servus
Ich möchte mich meinem Vorredner anschließen. Eine Darstellung als 4. Teilstreitkraft könnte ich mir schon vorstellen aber leider ist das in D nicht "gerne" gesehen. Was kann denn eine Uniform dafür. Manche Leute würden, wenn es ginge, aus den 12 Jahren einen weißen Fleck in unserer Geschichte machen. Somit bleibt mir immer noch die Gebirgsjägerei und die Feldgendarmerie. Damit habe ich vollauf zu tun.
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Bill Medland
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Re: Warum den Zweiten Weltkrieg reenacten?

Post by Bill Medland »

Ich habe meinen Militär Uniformen seit 32 jahren, und immer noch spaß ab und zu dabei, aber:

Seit zwei jahren ich habe einen intresse in alle Sachen "Heimatfront" entwickelt.
Reenactment aus den sicht Zivilisten, ob Deutsche oder Englisch, 1925 bis 1945.

Relaxen mit eine original Buch oder Zeitung aus der Zeit und ein Sessel aus der 30er,
der alte vor-kriegsuhr, tick, tick, tick in der Hintergrund.

MP3 Player versteckt in der 1933 VE301 Volksemfänger mit einem Rede oder Musik Programm aus der Zeit.

Unser Hobby hat vielen Seiten und alle sind eine Art Zeitreise.

Cheers, Bill.
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Ohmhagen
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Re: Warum den Zweiten Weltkrieg reenacten?

Post by Ohmhagen »

Als Jahrgang 63 bin ich in einer ländlichen Umgebung aufgewachsen. Meine Eltern, die selbst noch im Krieg (1938 und 1939) geboren sind haben halt beide arbeiten müssen, da meine Familie ja entschädigungslos enteignet wurde. Die Leute im Dorf aus der Generation meiner Großeltern haben alle am Krieg teilgenommen und mit denen verbrachte ich meine Kindheit. Ich kenne die Kriegserlebnisse von unzähligen Männern und sie haben mir diese Geschichten erzählt, wie andere Kinder vielleicht die Märchen der Grimms erzählt bekommen. Der Krieg war eben allgegenwärtig. Am spannendsten fand ich immer die Streitereien zwischen den Teilnehmern des ersten WK und denen des zweiten WK, welcher Krieg denn nun schlimmer war. Gewonnen hat immer einer meiner Patenonkel, der war in beiden. Dazu kommt noch, ich stamme aus einer alten preußischen Junkerfamilie. Es ist schlicht und einfach schon immer so gewesen, das die Söhne Offizier werden, und so war es eben auch bei mir. Ich habe nie über einen anderen Beruf als den des Offiziers nachgedacht.

Was nun Reenactment betrifft, ich bin über einen Umweg dazu gekommen. Da ich mich ja von der Nato, im gegenseitigem Einverständnis, vorzeitig trennen musste, habe ich viele Jahre in den USA gearbeitet. Mein dortiger Chef, leitete eine Reenactmentgruppe und er kannte meine Familiengeschichte und meine persönlichen Hang zu Militär. Er hat mich dann einfach mal an einem Wochenende zu einen „Jagdausflug“ eingeladen. Ich hab wohl ziemlich dumm aus der Wäsche gesehen, als ich dann in einem Lager der LAH angekommen bin, zumindest lachte er heute noch über das Gesicht, das ich da gemacht habe. Als er mir dann noch eine Uniform in die Hand gedrückt hatte, die sogar passte, war ich eigentlich schon nicht mehr zu stoppen. Ich hatte zwar keine Ahnung, was die da machen aber weg wollte ich schon gar nicht mehr. Das Wissen, was Reenactment ist und die Hintergründe kamen erst später dazu. Für mich war es einfach nur, das zu erleben (wenigstens Ansatzweise) was meine Kindheit durch Erzählungen bestimmt hatte.

Nach meiner Rückkehr nach Deutschland war ich über die Situation hier sehr erstaunt. Ich hätte erwartet, das Reenactment außerhalb von Museen hier verboten ist. Das wäre mir logisch erschienen. Aber das es deutsches Reenactment gibt und nur die SS verboten ist, kam und kommt mir einfach nur unlogisch und dumm vor. Aber gut, also habe ich im laufe der Jahre 18 Darstellungen aufgebaut. Auf die Idee eine andere Nation zu machen, bin ich nie gekommen. Ich bin Deutscher aus einer Familie mit einer Jahrhunderte alten Militärtradition, da ist es mir einfach nicht in den Sinn gekommen, etwas anderes darzustellen, als das, was in der Zeit möglich gewesen wäre.

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Bill Medland
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Re: Warum den Zweiten Weltkrieg reenacten?

Post by Bill Medland »

Hallo Frank,
Es ist schlicht und einfach schon immer so gewesen, das die Söhne Offizier werden, und so war es eben auch bei mir.
Ich habe nie über einen anderen Beruf als den des Offiziers nachgedacht.
Das kan ich verstehen, ich komme aus einer imperialistische Familie die in den englischen Kolonien seit Generationen gedient hat.
Mein Vater war im Militär von 1950-1992. Einmal hatten die Medlands 17 Familienangehörige gleichzeitig im Dienst, meisst bei der Luftwaffe!
So war es klar das ich mit 11 Jahren zur Jugend Gruppe gehöre und mit 17tem Geburtstag zum Militärdienst ging, in England und Kolonien,
von 1973 bis 1989, und mit drei jahren Kriegsdienst von 1977 bis 1979.

1991-92 in Dienst der Amerikaner, "Civilian Support Group" und gleichzeitig freiwillig bei den Deutschen Bundeswehr Reservisten als Gefreiter.

Cheers, Bill.
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